Mountainbiken macht Spaß. Und für jeden, der gern mit dem Rad in die Alpen fährt, ist das Größte, was man sich vornehmen kann, die Tour über die Alpen nach Italien. Das hatten auch wir uns für Ende August diesen Jahres vorgenommen. Wir, das sind Nepomuk, Daniel und Eckhart. Ausgesucht, organisiert und in der Sektion Königsberg des Alpenvereins angeboten hatte Nepomuk die Tour. In sechs Tagen, vom 21.8. - 26.8. wollten wir von Garmisch-Partenkirchen aus den Gardasee erreichen. Die Route führte über das sehr schöne Val d'Uina, das 2.757m hoch gelegene Stilfser Joch, Ponte di Legno, Madonna di Campiglio und schließlich Riva del Garda. Einige „Gratüberschreitungen“ waren also schon dabei – und das in 6 Tagen. Ein strammes Programm also. Aber davon später mehr.

Tag 1: Garmisch – Ehrwald – Imst – Landeck (86km, 1400hm)

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Die Streckenabschnitt von Garmisch nach Landeck bildet eher eine leichte Tour: Keine langen oder steilen Steigungen - das richtige zum Einstieg. Die Schwierigkeiten befanden sich eher auf dem Streckenabschnitt davor, denn von München nach Garmisch-Partenkirchen gab es Schienenersatzverkehr. Immerhin war auch an die Mitnahme von Fahrrädern im Ersatzverkehr gedacht, so dass sich die Verzögerung in Grenzen hielt. Das womöglich schönste Stück des Weges führt durch den Lärchenwald zwischen Grainau und Ehrwald, der eine ganz eigene Stimmung verbreitet. Daran schließt sich die einzige größere Steigung an, die auf dieser ersten Etappe aber kaum über 1.200m Höhe hinausführt. Ab dann folgt gemütliches Radeln mit schönem Blick auf die Inn und von Imst aus dann an der Inn entlang, wo wir unsere erste Unterkunft erreichen.

Tag 2: Landeck – Pfunds – Sur En – Val d’Uina (63km, 1900hm)

Der zweite Tag ist bereits ein erster Höhepunkt der Reise. Am Anfang geht es ein sehr langes Stück am Fluss entlang durch das Oberinntal, wobei wir langsam aber stetig Höhenmeter machen. Auf dem Weg lassen wir uns Zeit, so dass auch ein kleiner Abstecher zu der mittelalterlichen Grenzbefestigung und Gerichtsstätte Altfinstermünz drin ist, die an der noch aus der Römerzeit stammenden Via Claudia Augusta liegt. Wir freuen uns über das sonnige Wetter. Etwas Sorgen bereitet nur, dass im Laufe des Tages mehr und mehr Wolken aufziehen.

Kurz vor der Stelle, an der die Uina in die Inn einmündet, wird ausgiebig Mittagsrast gehalten, denn dann beginnt der stellenweise steile Anstieg in das sehr schöne Uina Tal. Jetzt wird es anstrengend und wir spüren, dass wir, bevor die richtige Steigung nun losgeht, schon gut 40km auf dem Buckel haben. Im oberen Teil verwandelt sich das bis dahin grüne Tal in eine Felsschlucht, durch deren steil abfallende Wand ein Weg geschlagen ist. Hinweistafeln an beiden Enden des Weges warnen eindringlich davor, den Weg mit dem Rad zu befahren. Der wenig steile und nicht zu enge Weg wäre als technische Herausforderung noch zu bewältigen. Doch da ein einziger Fehler genügt um in die Schlucht zu stürzen, kommt es leider immer wieder einmal zu tödlichen Unfällen. Wir tragen und schieben unsere Fahrräder daher, bis sich vor uns eine Hochebene mit saftigen Almwiesen öffnet.

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Der holprige Weg in Richtung Sesvennahütte lässt sich halbwegs fahrend bewältigen. Das letzte Stück bis zur Hütte fällt etwas ab und gibt dadurch einen hübschen Trail ab. Die Hütte ist voll belegt, aber trotzdem kein einziger Schnarcher auf dem Zimmer :-)

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Tag 3: Val d’Uina – Glurns – Stilfser Joch (44km, 2000hm)

Der dritte Morgen empfängt uns mit dichtem Nebel, so dass man kaum 50m weit sehen kann. In rascher Fahrt geht es hinunter nach Mals, wo wir uns wieder unter der Wolkendecke befinden. Über Taufers fahren wir in Richtung Santa Maria. Dort biegt die Passstraße zum Stilfser Joch ab. Die Passstraße, die uns auf fast 2.800m Höhe führt, bildet die größte durchgehende Steigung unserer Reise. Und ja, 1.400 Höhenmeter am Stück sind anstrengend. Ob es nun an der langen Strecke oder schon an der Höhe liegt. Ich merke, wie auf den letzten mehreren hundert Höhenmetern meine Kräfte stark nachlassen und muss immer häufiger Pause machen. Auch Nepomuk wirkt etwas angeschlagen. Nur Daniel scheint keine Schwierigkeiten zu haben. Wegen der Energieriegel, mit denen er sich vorher eingedeckt hat? Oder einfach fit?

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Wir erreichen am frühen Nachtmittag das Ziel. Noch rechtzeitig, denn später am Nachmittag fängt es an zu regnen, so dass wir die meiste Zeit im Hotel blieben. Bei besserem Wetter hätten wir eine schöne Aussicht gehabt, aber so bietet sich allenfalls der Blick auf die imposante geschlängelte Passstraße. Vom Ortler nichts zu sehen!

Nach der anstrengenden Strecke stellen sich erste Wehwehchen ein: Dem einen tut der Hintern weh, dem anderen die Oberschenkel, dem dritten der Rücken. Viel Zeit zum Erholen bleibt auch in den nächsten Tagen nicht. Die Zeit bis zum Abendessen nutzen wir, um die Fahrräder zu richten und u.a. meine völlig abgefahrenen Bremsklötze zu tauschen. Ein Glück, dass ich Ersatzbremsklötze mitgenommen hatte!

Tag 4: Stilfser Joch – Bormio – Albergo Passo Montirolo – Temù (58km, 1500hm)

Der nächste Tag beginnt genauso verregnet, wie der vorhergehende geendet hatte. Im strömenden Regen geht es die gewundene Passstraße nach Bormio hinab. So nass hatte ich mir die Transalp-Tour nicht vorgestellt. Immerhin haben wir die Regenklamotten nicht umsonst mitgeschleppt. Wenigstens sind bei dem Wetter auch nicht zu viele Autos und praktisch keine Motorradfahrer unterwegs.

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In Bormio verpassen wir – trotz GPS – die Abzweigung nach San Antonio und fahren statt dessen in das tiefer gelegene Val di sotto. Da uns der Irrtum erst recht spät auffällt, stehen wir vor der Frage, entweder umzukehren oder uns einen anderen Weg zu unserer nächsten Unterkunft zu suchen. Am Ende entscheidet wieder das trübe Wetter (der Regen hat zum Glück vorläufig aufgehört). Die Berge um den bis auf 2.500m Höhe führenden Paso di Gavia, den wir eigentlich fahren wollten, sind in tiefhängende Wolken gehüllt. Es würde sich kaum lohnen, deswegen noch einmal umzukehren. Daher fahren wir weiter, durch Sandalo hindurch, um dann zum Albergo Passo Montirolo abzubiegen. Eine lange serpentinenreiche Steigung, die mir – wahrscheinlich wegen der Erschöpfung – fast anstrengender vorkommt als das Stilfser Joch am Tag zuvor führt uns über einen annährend 1.900m hoch gelegenen Bergkamm schließlich auf die Straße in Richtung Ponte di Legno. Herrschte beim Aufstieg über weite Strecken Nebel mit nur gelegentlich aufreißender Wolkendecke, so setzt bei der Abfahrt wieder der Regen ein. Auch ein Erlebnis, so eine Abfahrt im Nebel und Regen, Nässe von allen Seiten, denke ich.
Einigermaßen abgekämpft erreichen wir schließlich Temù, nur um festzustellen, dass unsere Unterkunft noch einmal fast 100 Höhenmeter weiter oben gelegen ist. Der Hunger treibt uns recht bald wieder aus der Unterkunft hinaus und in die nächste Pizzeria. Doch kurz nach sechs ist die Pizzeria noch menschenleer, der Ofen nicht einmal angeheizt. In Italien beginnt die Abendessenszeit um 7 Uhr. Wir haben Verständnis für die ortsüblichen Gepflogenheiten. Zum Glück hat auch der freundliche Wirt Verständnis für unseren Appetit und bereitet uns, bevor wir endlich Pizza bestellen können, schon einmal ein paar Hamburger zu. Wenn man den ganzen Tag mit dem Rad unterwegs gewesen ist, kann man ganz gut zwei Mahlzeiten hintereinander vertragen.

Tag 5: Ponte di Legno – Dimaro – Madonna di Campiglio (52km, 1600hm)

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Am nächsten Morgen hat sich das Wetter gebessert.. Es sind zwar immer noch viele Wolken am Himmel, aber der Himmel klart zunehmend auf. Das Aufstehen fällt nicht ganz leicht, denn die Anstrengung der letzten Tage macht sich doch bemerkbar, und wir haben wieder ein strammes Programm vor uns. Vielleicht hätten wir doch einen „Bummeltag“ einplanen sollen, wo man mal nur 500hm macht, und sich statt dauernd in die Pedale zu treten, auf schönen Almwiesen ausruht. Aber wir sind ehrgeizig und müssen ja die nächste Unterkunft am Abend erreichen. Also geht es los in Richtung Dimaro. Eine Abkürzung über eine Skipiste erweist sich als eine nicht allzu kluge Idee, da sie gleich zu Anfang ziemlich kräftezehrend ist. Zum Glück ist schon bald danach der Scheitelpunkt erreicht und danach geht es bis Dimaro erst einmal ziemlich lange kontinuierlich abwärts.

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Irgendwann auf dem Weg reißt Daniel die Kette. Unsere erste Panne auf der Reise. Aber mit dem richtigen Werkzeug hat ein geschickter Ingenieur wie Daniel das Malheur schnell behoben. Kurz vor Dimaro halten wir noch eine sehr verspätete, aber dafür umso dringender benötigte Mittagsrast. Es ist kein besonders exklusives Restaurant, dass wir da auf die Schnelle ausfindig machen. Aber wir sind nicht wählerisch. Hauptsache Kohlehydrate!

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Nachdem wir Dimaro passiert haben, zeigt sich, dass der eigentlich anvisierte Weg gesperrt ist. Also doch auf der Straße fahren? Bei dem Verkehr, der dort herrscht, keine reizvolle Idee. Also wählen wir die immerhin gut ausgeschilderte Umleitung, die nur leider den Nachteil hat, dass sie um einiges steiler ist. Also zum Schluss der Etappe noch einmal eine richtige Herausforderung. Nur im Vorbeifahren können wir einen Blick auf die Felsen der Brenta Dolomiten erhaschen, denn wir sind er spät dran. In Madonna di Campiglio angekommen, geht es gleich abendessen und dann auch schon ins Bett. Der nächste Tag sollte noch anstrengender werden.

Tag 6: Etappe am 26.8.: Madonna di Campiglio – Bondo – Lago di Ledro (73km, 1600hm)

Von Madonna di Campiglio aus läuft die Straße erst mal eine ganze Weile bergab. Daniel und Nepomuk mit hohem Tempo voraus, ich etwas behutsamer hinterer. Es ist erfreulich, dass die letzte große Etappe nach dem anstrengenden und langen Radltag zuvor erst mal gemütlich anfängt.

Anfangs fahren wir ein ganzes Stück Straße, später geht es in rasanter Fahrt holprige Forststraßen hinab, die teilweise von noch steileren Trails gekreuzt werden. Nepomuk und Daniel versuchen sich daran, während ich meistens etwas vorsichtiger bin. Meine Ausrede ist, dass bei meinen Rad im Gegensatz zu den technisch avancierten Gefährten von Daniel und Nepomuk nur das Vorderrad gefedert ist. Und überhaupt sind die beiden Kerle nicht auch ein paar Jahre jünger als ich? Sollen Sie nur ruhig! Tatsächlich habe ich seit der Transalp-Tour einen leichten Achter im Hinterrad. Vielleicht war das mit dem Hardtail doch nicht nur eine Ausrede…

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Auch an diesem Tag folgt das schwerste und zugleich schönste Stück am Ende der Etappe. Um unseren Zielort am Lago di Ledro zu erreichen, müssen wir bei Bono ins Val Garvadina abbiegen und eine letzte Bergkette überqueren, um in das Valle de Concei zu gelangen. Der Höhenunterschied bis zum Grat ist nicht größer als an den Tagen vorher, fühlt sich zumindest für mich aber anstrengender an. Die letzten ca. 200hm müssen wir unsere Räder sowieso tragen, da der Weg zu steil wird. Oben angekommen, werden wir mit einem herrlichen Bergpanorama belohnt, das wir nach mehreren regnerischen und bedeckten Tagen dankbar genießen. Außerdem haben wir ja die letzte große Herausforderung unserer Tour bestanden! … Oder etwa doch nicht?

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Die letzte Herausforderung folgt nämlich beim Abstieg. Ein schmaler Pfad führt uns längs eines steilen Grashangs. Da es die letzten Tage geregnet hat, ist der Boden noch feucht und nachgiebig, so dass es sich oft so anfühlt als habe man keinen sicheren Tritt. Nun ist das nichts, was ich in dieser oder ähnlicher Art nicht schon viele Male gegangen bin, aber mit dem Rad auf der Schulter und am Ende einer bis dahin schon recht erschöpfenden Etappe, erfordert dieser Abschnitt noch einmal volle Konzentration. Am Schluss also noch einmal Nervenkitzel. Nepomuk traut sich einige Stücke des Weges mit dem Rad zurückzulegen, was vielleicht sogar einfacher geht. Trotzdem fühle ich mich auf diesem Abschnitt sicherer, wenn ich mein Rad trage und Daniel scheint es ähnlich zu sehen.

Irgendwann ist aber auch diese heikle Wegstrecke überstanden. Es schließt sich ein Trail-Abschnitt an, auf dem wir dann unseren einzigen Platten auf der Reise erleben. Der Mantel ist bei Nepomuk an einer Stelle seitlich aufgeritzt. Da hilft auch das dickste Profil nicht. Immerhin ist auch diese Panne schnell behoben. Das letzte Stück zum Lago di Ledro und am Ufer des Sees entlang bis zu unserer Unterkunft ist dann wieder gemütliches Spaß-Radeln.

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Tag 7: Riva – Rovereto und Heimkehr

Kurz vor dem Gardasee am Lago di Ledro noch einmal eine Übernachtung einzuplanen, war auf jeden Fall eine gute Idee. Ausgeschlafen und erholt können wir die kurze Strecke zum Gardasee richtig genießen. Und es ist ein herrlicher Anblick, wenn sich plötzlich die glitzernden Wellen des Gardasees zeigen. Der Weg entlang der Steilküste nach Riva bildet den krönenden Abschluss der Reise, auch wenn er in beide Richtungen viel begangen und befahren ist.

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Viel Zeit bleibt uns in Riva nicht, weil wir am selben Tag noch den Rückweg nach München antreten wollen. Nach einer Transalptour ist das Bad im Gardasee allerdings geradezu obligatorisch und auch wir springen kurz ins Wasser. Dann machen wir uns auf den Weg nach Rovereto, der mit unerwarteten Landschaftlichen Reizen überrascht. In Rovereto nur noch die Sorge, ob wir auch einen der knappen Fahrradplätze im Regionalzug zum Brenner ergattern können. Allzu Rücksichtsvoll geht es beim Einstieg leider nicht zu. Nicht jeder der wartenden Fahrradfahrer kann mit, aber wir haben Glück. Schließlich geht es durch ein sonniges Alpenpanorama heimwärts.

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